Dietmar Baurecht

Archive for the ‘neu’ Category

Von Walzer zu Liszt

In neu on 2017/07/12 at 11:00

Der erste Teil von Liszts Ungarischer Rhapsodie Nr. 1 für Orchester in der Interpretation der Wiener Akademie könnte beinah die geheime „Fanfare“ des anstehenden burgenländischen Festivalsommers sein. Beim Liszt-Festival in Raiding gab Martin Haselböck mit seinem Klangkörper ein herausragendes Konzert auf Original-instrumenten. So spielt Haselböck in Raiding seit vielen Jahren unter dem Titel „Sound of Weimar“ die Orchesterwerke Liszts ein, sodass er am vergangenen Sonntag unter Klatschen des Publikums berechtigt sagen konnte: „Sound of Raiding!“ Ganze zwei Mal musste das Konzert gegeben werden, das Werke der Familie Strauss mit Liszt-Bezug, vor allem aber Werke des Raidinger Sohnes beinhaltete. Faszinierend dem Ohrwürmer-Programm entgegen stand Liszts orchestrale Version des Mephisto- Walzers Nr. 2:
Einfach diabolisch gut!

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 27/2017, S. 46

Festivalsommer macht das ganze Land zur Bühne

In neu on 2017/06/29 at 13:22

Jetzt geht’s los | Von Nord bis Süd bietet die „Bühne Burgenland“ ein buntes Programm in allen Sparten: Mehr als 20 Festivals warten.

Regisseur Philippe Arlaud sprach beim Künstlerfest in Wien scherzhaft von „Transpiration“ und meinte natürlich „Inspiration“, die man im Probenverlauf
zu „Rigoletto“ erhielte, einstweilen die Felsen im Steinbruch St. Margarethen vor Hitze strahlen. Wenn das Wetter so hält, ist dem Burgenland ein erfolgreicher Kultursommer gewiss. Während einige, wie das Lisztfestival in Raiding, ein Jahresprogramm bieten, haben manche schon losgelegt: „Classic Esterházy“ mit Schlosskonzerten oder „Pension Schöller“ in Güssing unter Intendant Frank Hoffmann.

Diese Woche starten „Die Csárdásfürstin“ in Kittsee oder „ORGELockenhaus“. Bei Carl Zellers „Vogelhändler“ ist Dagmar Schellenberger in Mörbisch zum letzten Mal als mitsingende Intendantin zu sehen. Mit Klassikern geht es weiter: „Der zerbrochne Krug“ passt diesmal wie der Topf zum Deckel: Wolfgang Böck spielt in Kobersdorf Dorfrichter Adam. Christian Spatzek gibt wieder einen Nestroy: „Das Mädl aus der Vorstadt“ in Parndorf. In Jennersdorf steht die Oper „Carmen“ am Programm. Bei den Burgspielen gibt es „Ein Sommernachtstraum“ und bei Musical Güssing kommt „Der Mann von La Mancha“ auf die Bühne.

Im Herbst gibt es gleich zwei Mal Klassik: das „Herbstgold“-Festival auf Schloss Esterházy und mit den „HaydnLandTagen“ die Neuauflage des Haydnfestivals. Was schon ewig währt: das Kammermusikfest Lockenhaus ist, wie die Halbturner Schlosskonzerte, nicht nur für Insider ein Erlebnis. Und wer es moderner mag, der ist bei den Schlosspark-Festivals, in Wiesen, bei den Konfrontationen oder beim Picture On gut aufgehoben. Wer Kindern einen spannenden Sommer bieten will, besucht einfach Forfel auf Burg Forchtenstein.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 26/2017, S. 40-41 (Von Dietmar Baurecht und Wolfgang Millendorfer)

Buchbesprechung: Eine Reise nach Bulgarien mit Orpheus im Gepäck

In neu on 2016/11/21 at 13:28

Nadežda, eine Frau sucht nach sich in anderen …

Es ist ein sinnlicher und durchaus spiritueller Roman, den Ilija Dürhammer mit „Und Orpheus schweigt“ vorgelegt hat. Es wäre zu kurz gegriffen, wenn man meint, dieser in 27 Kurznovellen geschriebene Roman drehe sich um den mythischen Dichter und Sänger Orpheus alleine. Dieser Mythos ist jedoch der Anker für eine Frau, die ihre Wurzeln und sich selbst in anderen sucht.

Die Hauptfigur, um die sich alles und die manchmal alles mit sich dreht, ist Nadežda Bauer. Sie ist seit ihrer Kindheit dem OrpheusKult auf der Spur. Ein Kult, der sie schlussendlich nach Thrakien führt, in die Heimat des Orpheus, in ein Land, das die Griechen barbarisch genannt haben und das von manchen noch immer als rückständig, von freundlicheren Menschen als bodenständig bezeichnet wird: Bulgarien. Dort hat Nadežda, die ihren Vater nicht kennt und zur Mutter keine tiefe Beziehung hat, familiäre Wurzeln. Mit Rilkes „Sonetten an Orpheus“, die eine starke Klammer in diesem Roman darstellen, geht sie auf Reisen und begegnet Menschen, die aus ihrer Perspektive die Begegnungen mit Nadežda nachzeichnen. Der Wahl-Südburgenländer, der in einem Kellerstöckl lebt, das im Roman auch ein Erlebnisort ist, war selbst zwei Jahre an der Universität in Sofia. Dürhammer, der über seine Mutter ebenfalls bulgarische Wurzeln hat, liebt Bulgarien und beschäftigt sich schon seit der Kindheit „wie wahrscheinlich viele, die sich für Musik und Literatur interessieren“, mit dem OrpheusThema, das „die Verbindung von Leben, Kunst, Tod und Wiedergeburt“ in sich vereint.

Durch die „Sonette an Orpheus“, die Nadežda bei ihren Begegnungen mit unterschiedlichen Männern wie Rosenblätter verstreut und ihnen damit eine Tür aufschlägt, er- öffnet sich auch für sie immer etwas Neues. In „Und Orpheus schweigt“ finden Rilkes Sonette nicht nur ihren Besitzer, sondern auch ihre Geschichte – zumindest eine mögliche Geschichte. „Ich möchte nicht sagen“, wie Dürhammer im Interview meint, dass „ich die Sonette dadurch erschöpfend erschlossen habe“, aber sie seien ihm heute viel näher: „Ich kann es Nadežda nachfühlen, wie sie ihre Welt anhand dieser sucht und dem OrpheusMythos, der in Südbulgarien seine Geburtsstätte hat, nachspürt.“

Wenn man Nadeždas Begegnungen mit Männern auf den Eros reduzieren würde, greife man, wie der Autor sagt, zu kurz: „Sie macht Angebote an die, denen sie begegnet und von denen sie auch selbst immer wieder das Gefühl hat, ein bisschen verwandelt zu werden. Aus ihrer Perspektive erzählen Männer wie Frauen, die ihr begegnen, ihre Verwandlungen. Natürlich ist Sexualität im Spiel, aber es ist nicht das wesentlichste und ausschließliche Moment. Es ist kein pornografischer Roman, sondern es geht um einen Erkenntnisakt. Erkenntnis meint zweierlei: nicht nur, dass sie miteinander schlafen, sondern dass sie sich auch im Wesen erkennen. Ich finde das einfach schön, dieses altmodische ‚Sich/einanderErkennen‘, was aus der Bibelübersetzung geläufig ist. Es geht nicht um das pure Physische, das wäre für Nadežda zu wenig. Es ist auch und nicht zuletzt so etwas wie Kultureinverleibung.“

Nadežda ist keine Anhängerin des Monogam-Glaubens, wie Dürhammer weiter meint: „Weder Monogamie noch Monotheismus. Alles was ‚Mono‘ ist, ist ihr zu wenig. Oder umgekehrt, dass sie in der Vielheit das Eine wieder sucht. Es ist das griechische HEN KAI PAN – das Eine und das All, die sich ineinander aufheben oder wechselweise ineinander aufgehen. Das findet sich bei ihr im Sexuellen ebenso wie in geistigen Belangen. Sie trennt diese Dinge nicht so streng. Nicht das Deutschsprachige, nicht das Slawische oder Japanische für sich, das in einem längeren Brief die Brücke zum Orpheus-Mythos schlägt – sie sucht in der Verschiedenheit das allgemein Menschliche. Darum geht es Nadežda. Dass sie zufälligerweise das Bulgarische sucht, hat mit ihrer Familienzugehörigkeit einerseits, aber auch mit ihrer Familienlosigkeit anderseits zu tun, mit dem Zufall des Dahin-GekommenSeins und der Verbindung mit dem, was sie schon immer gesucht hat – nämlich Orpheus selbst.“

Neben der Beschäftigung mit dem Orpheus-Mythos hat Ilija Dürhammer im Roman selbst viele Fundstücke, wie Rosenblätter für Bulgarien, das er selbst gut kennen gelernt hat, verstreut. Dass es auch ein Reiseroman für Bulgarien sein kann, hat der Autor schon öfters gehört. Es ist aber vor allem ein Roman, der eine Reise in die Tiefe – wie bei Orpheus und Eurydike – ermöglicht, ein Roman des Sinnlichen, des Sich-auf-sich-Besinnens.

ZUM AUTOR: Ilija Dürhammer geb. 1969 in Wien, studierte Germanistik und eine Fächerkombination aus Musik- und Theaterwissenschaft, Geschichte und Klassische Philologie; lebt in Rechnitz, Burgenland. Buchpublikationen (Auswahl): Thomas Bernhard. Holz.Ein.Fall. Eine reale Fiktion (Kremayr & Scheriau, 2004) und Mystik, Mythen und Moderne. Trakl. Rilke. Hofmannsthal. 16 Gedichtinterpretationen (Praesens Verlag, 2010). Auszeichnungen (u. a.): Preis des TheodorKörner-Fonds, 1999; Preis der Burgenlandstiftung – Theodor Kery für „Und Orpheus schweigt“, 2016. Buchtitel: Und Orpheus schweigt Verlag: Edition Lex Liszt 12 Seiten: 404 VP: € 25,00 ISBN: 978-3-99016-103-6

Termine: 11.11.2016, 19:00 Uhr Bulgarisches Kulturinstitut – Haus Wittgenstein 13.11.2016, 12:00 Uhr Messe Wien, Literaturcafé (Messeeintritt)

Erschienen in Beste Seiten 2016 im Rahmen der Buchwoche Wien, S. 12

Konzert-Kritik: Abschied aus dem Haydnsaal

In neu on 2016/09/28 at 13:18

Das Abschlusskonzert bei den Internationalen Haydntagen war heuer auch ein Abschied aus dem Haydnsaal und dem gewohnten Ambiente für viele Besucher und das Orchester. Unter Adam Fischer trat die Österreichisch-Ungarische Haydn Philharmonie mit Haydns für das Theater geschaffenen Musik und dann in die Form der Symphonie Nr. 60 gepressten „Il Distratto – der Zerstreute“, auf. Fischer bewies hier wieder einmal, dass er für Haydn mit seiner doch emotionalen Interpretation begeistern kann, Konzert-Kritik: Abschied aus dem Haydnsaal was mit Mahlers Nr. 4 mit Elisabeth Pratscher (Sopran) nicht so gelang.

Vielleicht war es auch die Hitze im Saal und der Abschied, der die Stimmung trübte. Bei den traditionell zum Schluss der Haydntage gegebenen letzten Takten aus dem vierten Satz von Haydns Abschiedssymphonie, in der die Musiker langsam das Podium verlassen, blieb Fischer bewegungslos mit dem Rücken zum Publikum symbolisch als letzter stehen und ohne Orchester zurück, bis sich der Saal verdunkelte. Adam Fischer ist es auch, der den Internationalen Haydntagen im neuen Gewand treu bleiben wird und 2017 mit auf die Reise ins „Haydnland“ folgt.

Stehend klatschte das Publikum und verabschiedete sich von gut drei Jahrzehnten Fischer im Haydnsaal, der in seiner kurzen Rede seine Hoffnung ausdrückte, wieder, „wenn die Streitigkeiten ein Ende finden mögen“, dort zu spielen. Das letzte Mal – ein emotionaler Moment den sowohl Publikum als auch Orchester nicht verbergen konnten. – DB –

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 38/2016, S. 38

Konzertkritik | Haydntage 2016

In neu on 2016/09/21 at 16:51

Simone Kermes ist keine Unbekannte bei den Internationalen Haydntagen in Eisenstadt. Beim Konzert am Montag gab die Ausnahme-Koloratursopranistin auf Schloss Esterházy „mahlerisches“ und hielt sich gemeisam mit The Clarinotts, der Familie Ottensamer, und Pianist Daniel Heide ans böhmische Motto der diesjährigen, letzten Haydntage in diesem Format. Was aber bei volkstümlich klassischen Klängen von Mahler und Dvorak nicht fehlen durfte, war natürlich Haydn. Neben Schubert wurde auch Mozart nicht ausgelassen. Ganz einfach ein Abend mit einer erhebenden Stimme und den großartigen Klarinettentrio Ottensamer. – DB –

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 37/2016, S. 36

Haydnfestival | Reicher: „Neue Ära bricht an“

In neu on 2016/08/31 at 10:53

 

Intendant Walter Reicher verrät im BVZ-Gespräch, wie es nach der Trennung von Esterházy mit dem Festival weitergeht.

Die Internationalen Haydntage – von 8. bis 18. September auf Schloss Esterházy – gehen in diesem Jahr in alter Form zu Ende. Die BVZ fragte Intendant Walter Reicher, was er 2017, nach der Trennung von Land und Esterházy, ohne Haydnsaal und ohne „Österreichisch-Ungarische Haydnphilharmonie“ anfangen werde.

„Tun wir nicht so, als ob das das Wichtigste wäre“, meint Reicher. „Es ist eine neue Ära, die anbricht, und die tut Haydn ganz gut. Das Orchester wird niemandem abgehen. Wir werden für Fischer ein anderes Orchester haben.“ Und der Saal? „Der Saal wäre sehr schön, aber wenn man nicht dabei sein will im Haydnland, kann ich auch nix machen.“

Haydn an neuen Orten: Von Wien bis zur „Mole“

Nach Reicher mache es Sinn, „den Zyklus fortzusetzen“, der mit den 28. Internationalen Haydntagen noch im Haydnsaal begonnen wird. „Haydn und Böhmen“ ist der Auftakt, bei dem Haydns erste Dienstjahre beim Grafen Morzin und die dort entstandenen Werke im Mittelpunkt stehen. 2017 steht dann Paris und 2018 London am Plan.

„Es waren Mosaiksteinchen, die neu zusammengesetzt werden mussten“, wie Reicher die Programmierung für das kommende Jahr umschreibt, denn „zeitlich stand kein geeigneter Saal zur Verfügung“ oder „zu einem anderen Termin konnten die Künstler nicht“.

Den Haydnsaal sollen dann, passend abgestimmt, neue Orte ersetzen: Neben Wien oder Kittsee steht auch die „Mole West“ als Ort zur Verfügung. Glücklich ist Walter Reicher, dass der Hausdirigent der Internationalen Haydntage auch 2017 wieder dabei ist: „Adam Fischer wird nächstes Jahr in der Basilika in Frauenkirchen ein großes Konzert geben.“

Für Reicher sind die kommenden Jahre kein Ende: „Es ist ja nur ein Schauplatz- und Perspektivenwechsel. Im nächsten Jahr wird es die Haydntage im Haydnland geben.“ Der Termin für das Programm im neuen Gewand steht Ende des Sommers fest und dies soll auch in den kommenden Jahren so bleiben, denn Reicher hält „vom Springen zu immer wieder anderen Terminen“ nichts.

Infos und Karten im Internet unter www.haydnfestival.at

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 33/2016, S. 34

Schloss Esterházy | Picknickkonzerte

In neu on 2016/08/17 at 10:53

Wenn Karsten Januschke für Donizettis „Der Liebestrank“ unterwegs ist, setzt sich der Dirigent aufs Rad und fährt durch die idyllische Landschaft von St. Margarethen in den Steinbruch. Auch Eisenstadt stand schon mal am Ziel, wenn es hieß „Die Schneekönigin“ zu dirigieren. Ob diese Fahrten wohl auch das Programm für die Picknickkonzerte auf Schloss Esterházy beeinflusst hätten, verneint Januschke. Da sei er ganz ehrlich: „Blumenstrauß-Programme sind immer sehr, sehr anspruchsvoll!“

Eine lange Recherche, die Abfolge und die Länge der einzelnen Musikeinlagen und die Auswahl der Sänger stehen am Anfang, wie er im Gespräch mit der BVZ festhält. Einzig „die Zeit zum Nachdenken“ haben diese Fahrten für ihn gebracht.

Der Schwerpunkt des Programms am 13. und 14. August liegt nun auf italienischer Oper: Donizetti, Rossini oder Verdi. „Stanley Kubrick hat in seinem Film ,A Clockwork Orange‘ Rossinis ,La gazza ladra‘ großartig persifliert. Und seitdem habe ich Assoziationen zu dieser Musik, die nicht so brav sind“, wie Januschke meint. Diese Ouvertüre zu Rossinis „Die diebische Elster“ eröffnet auch die Konzerte am kommenden Wochenende: „Vielleicht hat die Elster vorher etwas aus dem Picknickkorb geklaut“, meint der Dirigent augenzwinkernd.

Neben den bekannten Arien werden die Sänger auch halbszenisch agieren. So wird Uwe Schenker-Primus, der den Dulcamara im Steinbruch singt, beim Konzert als „Falstaff“ zu erleben sein. Auch ein Vorgeschmack auf 2017 ist dabei: Das berühmte Quartett aus Verdis „Rigoletto“ steht am Programm. Was für Januschke besonders wichtig ist: „Wir wollen ein anspruchsvolles Programm mit Highlights bieten. Wo der Zuhörer, der auch wegen des Picknicks da ist, in den Genuss von Musik kommt, die er kennt.“ (Dietmar Baurecht)

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 32/2016, S. 34

Akademietheater | Candy’s Camouflage

In neu on 2016/08/17 at 10:47

Chris Harings Choreografie „Candy’s Camouflage“ setzt sich im Akademietheater mit der Bedeckung von Pop-Art-Ikone Andy Warhol bekannter Diva Candy Darling auseinander und dringt hinter die großen Posen, die CloseUps die Inszenierung: Verzerrungen und Schreie dringen aus den surrealen ineinander greifenden schwarz-weißen Bildern hervor und decken auf. Bewundernswert die drei kameraführenden Darstellerinnen, ohne die das exakte symbiotische Spiel zwischen Tanz und Übertragung auf die große Leinwand dahinter nicht möglich gewesen wäre. Für den Betrachter gilt: nicht verstehen und treiben lassen. Bei der Version für das Leopold Museum wird es am 10. August beim „ImPulsTanz-Festival“ nochmals spannend. (Dietmar Baurecht)

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 31/2016, S. 34

Stockerau | Der Diener zweier Herren

In Kultur, neu, Theater on 2016/08/11 at 09:53

Das Spiel im Spiel, wo Christoph F. Krutzler den Brighella (Wirt) und den Theaterdirektor einer Wandertruppe spielt, braucht es in Stockerau nicht. „Der Diener zweier Herren“ ist sich selbst genug. Vor allem in dieser flotten und eingespielten Produktion stottert es genau nur dann, wenn der Direktor seine Truppe aus anderen Stücken wie „Hamlet“ oder „Romeo und Julia“ wieder ins Stück zurückführen muss – zwischen diesen beiden Rollen springt der Südburgenländer Krutzler perfekt.

Einen muss man wohl aus dieser ausgezeichneten Ensembleleistung mit perfekt musikalisch, pointierter Geräuschkulisse hervorheben: Okan Cömert gibt dem Diener zweier Herren eine ungeahnte Rasanz. Wie ein Eichhörnchen auf Drogen flitzt er über die Bühne und spielt trotzdem ungeheuer klar und präzise.

„Der Diener zweier Herren“ mit Krutzler in der Doppelrolle läuft noch bis 6. August in Stockerau. Am 13. August ist Krutzler Teil der Lesung auf der Pinka im Rahmen des Picture-On-Festivals. (Dietmar Baurecht)

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 31/2016, S. 37

Theater an der Wien | El Juez

In Kultur, neu, Oper on 2016/08/03 at 18:00

Es beruht wohl auf Vertrauen, dass der Burgenländer Christian Kolonovits für José Carreras eine eigene Oper schreiben konnte. Der Juli bot die Chance, „El Juez“ (Der Richter) im Theater an der Wien zu sehen. Kolonovits jongliert zwischen Jazz, Pop, Rock und spanischem Kolorit – lässt Oper und Musical eine Liaison eingehen und bietet einen gefälligen Einstieg ins tragische Musiktheater.

Das Libretto schrieb die Burgenländerin Angelika Messner. Sie konstruierte ein gut verwobenes Libretto, das auf einer realen Begebenheit beruht – der Verschleppung von Kindern unter der spanischen Franco-Diktatur.

Die Rolle des diktaturstützenden Richters, aber auch daran zweifelnden Richters ist auf Carreras abgestimmt. In dieser Rolle entdeckt er seinen Bruder, einen Liedermacher, erst bei dessen Tode. Diese gegensätzlichen Paare tragen diese Oper. Die Inszenierung von Emilio Sagi im Theater an der Wien hätte aber durchaus stärker das entsetzliche Thema transportieren können und die Sänger ein Mehr an Personenführung vertragen.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 30/2016, S. 33

Steinbruch St. Margarethen | Der Liebestrank

In neu on 2016/07/20 at 11:40

Donizettis „Der Liebestrank“ passt perfekt auf die kleine Ruffini-Bühne in St. Margarethen. Unkonventionell der alles überragende Wurlitzer, der den Rahmen gibt. Sein Plattenteller stellt den Dorfplatz dar, wo Chor und Sänger in Kostümen die Fifties aufleben lassen.

Dort kommt der tölpelhafte Nemorino (Tamás Tarjányi) in seinem Liebeswerben für die reiche Adina (Elena Sancho Pereg ) nicht weiter. Erst als der Hippie-Wagen des Quacksalbers Dulcamara einfährt – Uwe Schenker-Primus gibt in dieser Rolle ordentlich Schwung –, beginnt sich das Liebesblatt zu drehen und der „militante“ Gegenspieler (Andrei Bondarenko) geht leer aus. Ob nun Adina nicht die Sicherung ihres Besitzes durch Nemorino, dem unsicheren Leben einer Soldatenbraut des Belcore vorgezogen hat, bleibt dahingestellt. Eine bessere Personenführung hätte gut getan.

Die Leistung der Sänger und des Orchesters bleibt davon aber unberührt, hervorragend. Fazit: Auf der kleinen Bühne im Steinbruch wird nur alle fünf Jahre große Oper gegeben. Diese Produktion kann sich sehen und hören lassen. (Dietmar Baurecht)

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2016, S. 46

Schloss-Spiele Kobersdorf | Otello darf nicht Platzen

In neu on 2016/07/20 at 10:18

Warum der Startenor gleich zwei Otello-Outfits und die dunkle Schminke im Gepäck hat? Ist es Extravaganz oder misstraut er den Opernmachern in der Provinz? Zutaten, die das turbulente Stück von Ken Ludwig braucht, um den Verwechslungsreigen auszulösen.

Kein Haar passt zwischen Wolfgang Böck und der Rolle des Startenors. Gemeinsam mit Marie-Therese Futterknecht als eifersüchtige Ehefrau geben sie ein lautes, gestikulierende Italo-Paar. Dazu kommt: Erich Schleyer, ein Operndirektor zwischen Rage und Verzweiflung, sein Adlatus (Gerhard Kasal) – ein ungewolltes, perfektes Otello-Double – und dessen liebste (Anna Kramer), mehr als ein gewöhnliches Star-Tenor-Fan – komplettieren das Dreamteam vo glatter Art-Deco-Bühne. Fazit: Tantiemen für ein Boulevard-Stück zu zahlen, lohnt. (Dietmar Baurecht)

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2016, S. 46

Seefestspiele Mörbisch | Viktoria und ihr Husar

In neu on 2016/07/20 at 10:13

Seit 1930 ist viel Wasser durch das „Ungarnland! Donauland! Heimatland!“ geflossen, als Paul Abrahams Operette „Viktoria und ihr Husar“ ihre Uraufführung feierte. Vor mehr als 40 Jahren war sie zum letzten Mal auf der Seebühne Mörbisch zu sehen. Und heute legen die Seefestspiele dieses Werk ganz traditionell mit voller Klischeekeule an – trippelnde Japanerinnen eingeschlossen. Die dramaturgische Flaute des Werks wird aber durch einen revueartigen Glamoursturm weggefegt. Es ist eine perfekte Show mit Verwandlungen und tollen Tanzszenen, wie man sie bei den Seefestspielen in Mörbisch gewohnt ist. Besonders die beiden Buffo-Pärchen (Katrin Fuchs, Andreas Sauerzapf, Verena Barth-Jurca, Peter Lesiak) bringen ungeahnte stimmliche Leichtigkeit und Dynamik in den Ablauf. Dagmar Schellenberger als Viktoria, Andreas Steppan als ihr Ehemann und ihr heißbegehrter Husar (Michael Heim) nehmen leider Tempo raus. Fazit: Wer glamouröse und sattelfeste Shows liebt, ist in Mörbisch immer gut aufgehoben. (Dietmar Baurecht)

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2016, S. 46