Dietmar Baurecht

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Was ist authentisch?

In neu on 2019/08/10 at 08:32

Kleinoden barocker Lebenswelten am Hof Ludwig XIV und des XV am Cembalo und an der Laute war bei der Matinée in der Lockenhauser Pfarrkirche gewidmet. Der Lautist Thomas Dunford stimmte das Konzert mit Marin Marais‘ „Die menschlichen Stimmen“ berührend ein. Mit Cembalist Jean Rondeau versuchten sich die beiden Musiker klanglich mit dem Kirchenraum einzustimmen. Es gelang ihnen bei François Coupe-
rins Werken harmonisch und akzentuiert. (Mit Antoine und Jean-Baptiste Forquerays Jupiter haben sie den offiziellen theatralischen Abschluss gegeben, der Ludwig den XIV. mit Sicherheit zu einem Auftritt animiert haben könnte.) Überraschend als Zugabe spielte und sang Lautist Dunford „Come Again“ (Dowland) und rundete dieses Konzert stimmlich ab. Um 17 Uhr beim zweiten Barockkonzert erweiterte sich die Besetzung in unterschiedlicher Zusammenstellung.

Hier wurde das Motto „Authentikos“ spürbar, als Nicolas Altstaedt mit Jonas Palm Vivaldis Sonate für Violoncello Nr. 5 zu einem für Violoncelli machte. Ganz der Frage nachgehend: Was sei authentisch und dürfe man nicht Experimentieren? Lockenhaus bringt noch bis 13. Juli Konzerte auch mit der für die Violinisitin Vilde Frang großartig eingesprungene Rosanne Philippens und fördert neue aber sensible Hörerlebnisse zutage. – DB –

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 29/2019, S. 43

Das Glück hat ein Schnoferl

In neu on 2019/08/09 at 12:30

Beinah könnte man einen Glücksbringer – ein rosa Schweinderl auf grünem Kleeblatt – vermuten, wenn man auf das Bühnenbild und die noblen Zimmer der Frau Von Erbsenstein in Kobersdorf blickt. Aufgetürmt die Geschenke zur Hochzeit – nur Erbsensteins Bräutigam lässt auf sich warten.

Kein Glück für die Erbsenstein, gespielt von Katharina Stemberger, die die Rolle leicht schwebend, hysterisch aber tiefsinnig anlegt. Das Stubenmädchen Nannette ist ihre ständige Begleiterin und in dieser Kobersdorfer Fassung von Nestroys „Das Mädl aus der Vorstadt“ stark aufgewertet und will ihrer Herrin ans Leben. Erbsensteins vertrauter, aber schlitzohriger Onkel ist ebenfalls Dauergast seiner Nichte und hat einige Geheimnisse: Sein eigenes Geld hat er gestohlen und den Diebstahl seinem Kassier in die Schuhe geschoben. Ihm werden aber schlussendlich seine ständigen Frauenabenteuer in der Vorstadt zum Verhängnis. Wolf Bachofner brilliert in dieser Rolle: Er ist in den Nuancen ein Ohren- und im Agieren ein Augenschmaus. Den hartnäckigen und inbrünstigen Winkelagent spielt Wolfgang Böck, der alles aufschnoferlt: Den quirligen, feigen Ehe-Flüchtling der Erbsenstein (Markus Weitschacher), der sich in die unglücksbehaftete Thekla, die Tochter des beschuldigten Kassiers, verliebt hat. Er entwirrt gekonnt das Verwirr-Nest des Onkels der Erbsenstein und schafft es, dass Thekla – rührselig und verloren von Michaela Schausberger gespielt – das Glück findet und die Liebe hold ist. Beverly Blankenship ist eine flotte Inszenierung mit kreativen Lösungen gelungen, die durch den witzigen Einsatz des Musikers Christopher Haritzer, der die Couplets musikalisch unterfüttert, unterstützt wird. Durch die Kostüme von Gerti Rindler-Schantl und vor allem durch die ausgezeichneten Bühneneinfälle von Erich Uiberlacker wird diese Inszenierung zum Hochgenuss und mit Sicherheit zum burgenländischen Sommer-Erfolg in diesem Jahr. – DB –

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 29/2019, S. 40

Alles Barock intim!

In neu on 2019/08/08 at 12:30

Die Halbturner Schlosskonzerte unter Robert Lehrbaumer sind zu einer guten Tradition geworden. Beim Eröffnungskonzert am vergangenen Samstag stand im Freskensaal des Schlosses das barocke musikalische Lebensgefühl im Vordergrund.

Altbewährt führte Robert Lehrbaumer ins Konzert ein und ließ nicht unerwähnt, dass man mit barocker Musik in früheren Jahren nicht immer Glück gehabt habe. Nun dürfte die barocke Fortuna eingezogen sein, denn das Blockflöten-Konzert war bis zum letzten Platz gefüllt und die Interpretationen von Händel, Vivaldi und Bach ein wahrer Hochgenuss: Die Musiker, die aus dem Collegium Pro Musica Genova entstammen, spielen auf originalen Kopien barocker Musikinstrumente. Die Blockflöte, die man immer wieder

abschätzig aufgrund von Kindheitserinnerungen behandelt, gab in diesem Konzert den Ton an und gewann: wunderbar das Concerto C-Dur von Vivaldi, gespielt von Stefano Bagliano und Fabiano Martignago für zwei Sopranino Blockflöten und Basso continuo
(Angelica Selmo und Erich Oskar Huetter). Letzterer gab mit seinem Cello Bachs Suite Nr. 1 im passenden barocken Rahmen. Fazit: Wer ein gediegenes Konzert im imperialen Rahmen genießen möchte, ist bei den Schlosskonzerten in Halbturn gut aufgehoben.

Als ein nächstes Highlight folgt am 20. Juli das Orchester-Konzert in der Halbturner Kirche mit klassischen und romantischen Solos von jungen Musikern. – Dietmar Baurecht –

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 29/2019, S. 38

Land des Lächelns auf der Seebühne Mörbisch

In neu on 2019/08/06 at 12:30

Als 1929 Franz Lehárs Operette unter dem Titel „Land des Lächelns“ in Erscheinung trat, war ein Leben in China wahrlich noch immer wie eine Reise zum Mond. Und so situieren die Seefestspiele Mörbisch die Operette zu Anfang in den von Drachenbahn und obskuren Besonderheiten geprägten Prater, wo die adelige Lisa im Donaumonarchie-Ambiente das Pferderennen, umgeben von toll eingespielter Statisterie samt menschlichem Pferdeballett, gewinnt. Elissa Huber (Lisa) bildet mit den in sie verliebten Graf Gustl (Maximilian Mayer) gesanglich wie auch in Leichtigkeit und Humor ein tolles Team auf der Bühne. Lisa soll für Gustl Ehefrau und Mutter werden. Der Korb, den Lisa Gustl gibt, kommt nicht unerwartet. Diese selbstständige Frau wirft sich dem in Wien zu Gast weilenden chinesischen Prinzen Sou-Chong an den Hals, der aber wieder ins Land des Drachen zurückbeordert wird.

In einer Rikscha fahren Sie gemeinsam in ein vermeintlich neues Glück, ein Land der anderen Sitten und eines noch rigideren Frauenbildes. Neben Gustl, der ihr nachreist und sie schlussendlich auf eigene Entscheidung befreit, ist Won Whi Choi ein stimmlich
kräftiger und herausragender Prinz, der seine Lisa aufgrund der Sitten und Traditionen verliert. Mi, seine Schwester, gesungen von Katerina Bennigsen, rundet das gut eingespielte Vierergespann ab. Dieses Gespann ist es auch, das die Kutsche Mörbisch an ihr Ziel bringt. Das wäre es auch gewesen, wenn nicht Harald Serafin als Obereunuch auf gekonnt unterhaltsame Weise seinen Auftritt als Revue seiner Ära als Seefestspiel-
Intendant nutzt.

Alles in allem: Mörbisch zeigt tolle Ballettszenen und eine ausgezeichnete Massen- und Personenführung – auch wenn der zweite Teil im fernen China etwas statisch daherkommt und Längen hat. Das Bühnenbild von Walter Vogelweider spielt volles Programm. Die gut durchdachte Regie und Choreographie von Leonard Prinsloo und Team sowie die musikalische Leitung unter Thomas Rösner lässt Mörbisch in gewohntem Glanz erstrahlen. – Dietmar Baurecht –

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 29/2019, S. 36

Stimmenstarke Kittseer Carmen

In neu on 2019/08/03 at 14:08

Es ist ein stimmiges Ambiente: Schöne Parkanlage, gemütliche Atmosphäre mit guter Versorgung der Opernbesucher. Trotz minimalistischem Bühnenbild in traditioneller Ausstattung und Kostümen werden beim Sommerfestival Kittsee gute Sänger geboten.

Bei Bizets Carmen haben allen voran Nathalie Pena-Comas als Micaëla und Sofiya Almázova (Carmen) überzeugt. Stefano Hwang bringt als Don José Carmen am Schluss hingebungsvoll um die Ecke. Regisseur Dominik Am Zehnhoff-Söns hat unter dem bewährten Dirigat von Joji Hattori gut gearbeitet und den Sängern auch ein gut darstellendes Ensemble zur Seite gestellt.

Was Kittsee noch hervorhebt, ist der Erzähler: Johannes Glück ist hier in die Rolle des einleitenden und kommentierenden Bizet geschlüpft, der als Geist alle Carmen Aufführungen der Welt besuchen muss. Da kommt man schon ins Truddeln. Florian Stanek hat hierfür die Dialoge geschrieben. Schade, dass Stanek in diesem Jahr nicht auch als Bizet zu sehen ist. Er hat die Rolle des Erzählers im letzten Jahr in Kittsee bei Mozarts Le nozze die Figaro gut angelegt. – DB –

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2019, S. 36

 

Die Zauberflöte im Steinbruch

In neu on 2019/08/03 at 14:02

Wer imposante Massenauftritte und den überdimensionalen Wolkenstrudel – der erst in der Nacht seine volle Leuchtkraft entfaltet – schätzt, ist bei dieser „Zauberflöte“ in St. Margarethen gut aufgehoben. Attilio Glaser als phlegmatischer Tamino ist gesanglich durchaus sicher und wird von der riesigen Schlange durch die drei im theatralen und gesanglichen Zusammenspiel gut besetzten Damen (Elizabeth Reiter, Nina Tarandek, Marie-Luise Dreßen) gerettet.

Sehr statisch hingegen der stimmlich gut besetzte Sarastro (Luke Stoker) und Danae Kontora als Königin der Nacht, die auf einer Halbkugel eine darstellerisch typische Arie „Der Hölle Rache“ singt. Obendrein scheinen die Solisten auf der Bühne oft allein gelassen. Dass auch Emotion durchaus in dieser Produktion Platz hat, zeigt Keith Bernard Stonum als Monostatos. Er möchte Pamina im emotionalen Anfall für sich gewinnen.

Im Übrigen ist Ana Maria Labin als Pamina stimmlich wie emotional eine Lichtgestalt in dieser Inszenierung und wirft im Duett „Bei Männern welche Liebe fühlen“ einen langen Schatten auf Max Simonischek als Papageno. Hier vermisst man in dieser Rolle letztendlich doch einen gut ausgebildeten Sänger. Simonischek hält sich trotzdem tapfer, lässt aber den seichten Wortwitz nicht aus und kann mit seiner aus dem Grab entstiegenen „Zombie-Papagena“ (Theresa Dax) überzeugen. An eine Inszenierung wie sie Philippe Arlaud mit „Rigoletto“ 2017 im Steinbruch gemacht hat, kommt diese Inszenierung von Carolin Pienkos und Cornelius Obonya bei weitem nicht heran. Da hätte es mehr kreative Einfälle, wie die drei „Segway-Knaben“ (die St. Florianer Sängerknaben) und klügerer und sinnvollerer Gruppen- und Personenführung gebraucht. Das Orchester der Budapester Philharmonischen Gesellschaft gemeinsam mit dem Philharmonia Chor Wien unter dem Dirigat von Karsten Januschke stand bei dieser Produktion auf den sichersten musikalischen Beinen. Kurz gesagt: Es wäre bei dieser Inszenierung noch Luft nach oben gewesen. – Dietmar Baurecht –

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 29/2019, S. 34

Der Hase schlägt die Haken nicht

In neu on 2019/08/03 at 13:54

Was den französischen Autor Georges Feydeau betrifft, wäre der Güssinger Kultursommer ein alter Hase. Das bewiesen Frank Hoffmann und seine Theatertruppe bereits zweimal. Feydeaus „Wie man Hasen jagt“ hoppelt auch nach der Premiere in diesem Jahr nicht so richtig an, wenn der Hausherr, gespielt von Otto Konrad, nicht nur vier- sondern auch zweibeinigen Hasen nachstellt. Erst im dritten Akt kommt Bewegung ins Spiel und die Hauptdarsteller Manfred Semler, Manuela Weber, Philipp Schulter und Konrad schlagen gemächlich ihre Haken in den Schluss. Es wäre durchaus mehr drinnen gewesen. – DB –

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 29/2019, S. 33

Eine solide Gräfin auf der Seebühne

In neu on 2018/07/25 at 11:00

Bei den Seefestspielen Mörbisch liegt zwar die größte Geige der Welt auf der Bühne, aber spielen tun andere. Vor Manfred Wabas großartiger Silhouette, die sich aus dieser „unspielbaren“ Geige für Kálmáns „Gräfin Mariza“ entpuppt, tummeln sich Solisten, ein
diesmal ruhiger agierendes Ballett und Statisten. Sie beleben die imposante wandlungsfähige Bücherwand und die in ihr integrierten Bildschirme, die mal See, mal
Glashaus entfalten. Sie müssen es auch, denn der größte Statist, Wabas Bühne, bewegt vorne leider nichts.

Es ist in diesem Jahr eine solide Inszenierung, die Karl Absenger bietet: Die intimen Szenen mit den Solisten sind gut einstudiert und die Kostüme von Karin Fritz opulent,
farbenprächtig bis einfach. Eine starke Vida Mikneviciute gibt die Gräfin. Ihr zur Seite gestellt, ein stimmlich ausgezeichneter Roman Payer als Tassilo, der die Nöte
seiner Familie vor seiner Schwester Lisa (Rinnat Moriah) geheim hält. Er verdingt sich unter falschem Namen als gräflicher Gutsverwalter, bis Krach und Leidenschaft
Mariza und ihn zusammenbringen. Christoph Filler gibt Tassilos Rivalen Zsupan im schönsten Ungarisch, der schlussendlich Lisa bekommt – beide im Übrigen ein
großartiges Buffo-Paar. Lacher lösen Franz Suhrada und Melanie Holliday beim Publikum aus. Wäre dieser Komiker nicht, würde die Geige nur melancholische Weisen
spielen, wie sie der auftretende Ondrej Janoska anstimmt.

Es sind aber diese Ohrwürmer, die Dirigent Guido Mancusi gekonnt ans Publikumsohr bringt. Mörbisch versteht heuer eine gute Produktion abzuliefern, doch Freches und Gesellschaftskritisches werden wohl von der größten Geige der Welt übertrumpft.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 29/2018, S. 74

„Tulifant“ auf Schloss Esterházy

In neu on 2018/07/24 at 12:30

Die Geschichte des Märchenspiels „Tulifant“ von Gottfried von Einem ist kurz erzählt: Es geht um die Welt, die durch ein Kind gerettet wird. So einfach die Grundessenz, umso schwieriger der szenische Ablauf, der sich ein wenig für das jüngere Publikum in die Länge zieht. Trotzdem gab es auf Schloss Esterházy eine hervorragende Inszenierung durch Beverly und Rebecca Blankenship, die auf ein gutes Team aus hervorragenden Solisten und die Wiener Sängerknaben zurückgreifen konnten. Mutig, sich zum 100. Geburtstag von Einems an eine zeitgenössische Kinderoper zu wagen. Diesen Mut
für Modernes gibt es im Burgenland in diesem Bereich zu selten. Man bleibt immer gerne auf sicheren Pfaden, was manchmal verständlich scheint …

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 29/2018, S. 35

PannOpticums „Parade“

In neu on 2018/07/23 at 12:30

„Parade“ feierte beim Figurentheater-Festival in Neusiedl am See Premiere. Die Geschichte der Zusammenarbeit zwischen Pablo Picasso, Jean Cocteau und Eric Satie ist schnell erzählt: Eine Schaustellertruppe versucht Menschen in ihr Lokal zu locken. Es gelingt nicht. Karin Schäfer gestaltet mit Choreograph Valentin Alfery geschickt eine Mischung aus Urban-Dance und Figurentheater und bedient sich der Elemente der
Urfassung von 1917: Unterhaltsame Szenerien entstehen im Wandel von alltäglichen Gegenständen zu Figuren. Ein Schattenspiel mit tanzenden Scherenschnitten gewinnt
dreidimensionale Züge. Rhythmisch gekonnt weben die Tänzer Bühnenbild- und Kostüm-Elemente von Picasso in das Stück ein. Die Bearbeitung von Karin Schäfer sprudelt von Fantasie und lässt gut eine Stunde Performance mit Live-Klaviermusik rasch vergehen. Großartig!

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 29/2018, S. 35

Trotz des Alters frisch

In neu on 2018/07/22 at 11:30

Neben den internationalen Haydntagen stellen das KammermusikfestLockenhaus den hohen Rang an lang eingesessenen Klassik-Festivals im Burgenland dar. Der einzige Unterschied ist die Regelmäßigkeit, der man sich neben dem Klangfrühling in Schlaining
auch der Moderne widmet. Es ist aber auch der unkomplizierte und lockere Zugang – die Nähe zu den Künstlern, die dieses Festival auch unter dem neuen künstlerischen Leiter Nicolas Altstaedt auszeichnet.

Man nimmt sich hier als Teil des Geschehens an, das einem experimentellen Werkstattcharakter gleicht. Bei der Eröffnung am vergangenen Donnerstag stand das Werk „Aspects of Return“ des jungen australischen Komponisten Jakub Jankowski am
Programm, das Nicolas Altstaedt und Alexander Lonquich am Klavier als Europapremiere spielten – ein zugängliches aber auch einprägendes Werk, das die positiven Reminiszenzen an Vergangenes in drei musikalischen Läufen hinterfragt.
Hervorzuheben sind an diesem Abend vor allem die Werke von Kodály und Bartók, die impulsiv und expressiv für den Besucher gefühlsmäßig beinah in dessen Ohren in der Lockenhauser Pfarrkirche entstehen. Ein Festival, das es immer wieder schafft, in seiner Kreativität impulsiv und frisch zu bleiben.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2018, S. 51

Nehmen’s a bisserl Gift?

In neu on 2018/07/21 at 11:30

Nach der ausgezeichneten Inszenierung von Kleists „Der zerbrochenen Krug“ geht es Regisseur Werner Prinz lockerer an. „Arsen und Spitzenhäubchen“ ist ein Klassiker morbiden Humors und ist wohl durch den Film mit Cary Grant aus den 40ern kein Unbekannter beim Publikum. Diese Reminiszenz lässt sich in den in Grautönen gehaltenem Bühnenbild von Erich Uiberlacker festmachen. Die Kostüme von Alexandra
Burgstaller sind zeitlos gehalten, was aber auf die Charaktere nicht zutrifft.

Erika Mottl und Gertrud Roll müssen flott sein, denn die Kobersdorfer Bühne ist für dieses Kammerstück ein paar Meter zu groß. Diese „Arsenic-Aunts“ sind im 21. Jahrhundert angekommen und vergiften aus Mitleid einige ältere Herren, die im Keller durch Teddy, ihren verrückten Neffen, der sich für Präsident Roosevelt hält, verbuddeln lassen. Wolfgang Block ist in dieser Rolle großartig: Große Augen, beinah kindlich im
Ausdruck – ein harmlos Attacke plärrender Verrückter. Zu allem Unglück kommt noch das glatte Gegenteil, Neffe Jonathan (Clemens Aap Lindenberg), ein mehrfacher brutaler Mörder, zurück. Da ist es verständlich, dass der dritte Neffe Mortimer glaubt, er sei
nicht normal: Alexander Jagsch spielt ihn locker aber dann auch abwesend neben sich stehend, als er erfährt, dass seine harmlos empfundenen Tanten ältere Herren mit vergifteten Holunderwein um die Ecke bringen. Ach ja, und da wäre noch seine zukünftige Braut, Elaine (Dagmar Bernhard), die er nun nicht mehr heiraten könne,
denn diese Familie ist eindeutig zu verrückt! Viel Modernität gibt es in Kobersdorf in diesem Jahr nicht: Es modert in den alten Gemäuern, wo sich die Mörder die Klinke in die Hand geben – aber auf jeden Fall ein vergnüglich, morbider empfehlenswerter Theaterspaß unter einem herausragend spielenden Wolfgang Böck.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2018, S. 48

Die Parndorfer „Typenschlacht“

In neu on 2018/07/20 at 12:00

Die Premiere beim Theatersommer Parndorf hatte am Donnerstag der Vorwoche mit dem schlechten Wetter zu kämpfen. Umso wasserfreier war es am Sonntag, wo „Der
Diener zweier Herren“ unbeschwert über die Bühne gehen konnte: Die Spielfreude kann man am Kirchenplatz in jeder Ritze der Bretter, die die Welt bedeuten, finden.

Es wird im besten Sinne des Wortes, eine Klamotte geboten: In Kostümen und Bühnenbild fühlt man sich in die Zeit Goldonis versetzt – einem Wanderensemble durchaus ähnlich, das gerade jetzt seine Zelte in Parndorf aufgeschlagen hat. Die
Stereotypen werden in unbändiger Übertreibung über die Rampe gebracht.

Da lässt keiner im Ensemble etwas aus. Hervorzuheben sind Georg Kusztrich als sich durch sämtliche Untiefen windender Kaufmann Pantalone und seine Tochter, dargestellt von Barbara Kaudelka, die diese Rolle des trotzigen und manchmal naiven Mädels
gut ausstaffiert. Neben der Regie nimmt Christian Spatzek auch die Rolle des Dieners
Truffaldino wahr, der mit dem Dienen zweier Herren eindeutig überfordert scheint. Auch in diesem Jahr wird in Parndorf ein leichtes und kurzweiliges Sommervergnügen
geboten.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2018, S. 47

Jubiläum: Halbturner Schlosskonzerte

In neu on 2018/07/19 at 12:30

Die Halbturner Schlosskonzerte begehen heuer 45 Jahre und 30 Jahre mit Robert Lehrbaumer, der für das Programm verantwortlich ist. Das muss gefeiert werden, und
mit den Wiener Comedian Harmonists gab es im Gemeindezentrum Halbturn einen großartigen Auftakt: „Originalgetreu“ ist das Motto für die Erben des Berliner
Originalensembles der 1920-er und 30er-Jahre. Wenn Sie dies mit unterschiedlichen Utensilien swingend-lässig über die Rampe bringen, ist der Abend gerettet. Nicht
fehlen durften vor tosendem Haus als Zugabe: „Ein Freund, ein guter Freund“ oder „Mein kleiner grüner Kaktus“. Mit „O sole mio“ brach zum Schluss die Konkurrenz zwischen den fünf Sängern des Staatsopernchors aus, die sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchten. Großartig klassisch geht es im Schloss Halbturn an den kommenden Wochenenden weiter.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2018, S. 46

„Rigoletto“: Brutal packend

In neu on 2017/07/26 at 11:30

Eine gute, kräftige Gesamtregie macht sich bei Rigoletto im Steinbruch
bezahlt. Philippe Arlaud arbeitete konsequent daran: Ein Herzog, dem Frauen zugeführt werden, die dieser vergewaltigt. Seine eigene Frau, die tatenlos zusieht. Der Narr Rigoletto, der seine Tochter Gilda vor dem Herzog wegschließt. Eine naiv unschuldige Tochter, die trotz Vergewaltigung den Herzog aus Liebe schützen
will und vom gedungenen Mörder ihres Vaters ermordet wird.

Es ist eine schlüssige Interpretation „Rigoletto“: Brutal packend von Verdis Oper, die im Steinbruch präsentiert wird. Dem Gesamtkonzept der Darstellung einer brutalen Gesellschaft unterwerfen sich geniale Projektionen, ein klares – von allem unnötigem
Glitter befreites Bühnenbild – und eine wohl überlegte, farbliche Kostümauswahl für die handelnden Personen. Großartig bei der Premiere, Elena Sancho Pereg die als Gilda alle stimmlichen Nuancen mit Bravour bewältigt. Vladislav Sulimsky setzt auf sein tiefes
Timbre und gibt einen manchmal phlegmatischen, aber trotzdem ausdrucksstarken Rigoletto. Stimmlich hervorragend Yosep Kang, der hier den skrupellosen Herzog mimt, der auf viele rotgekleidete Trophäen zurückblicken kann. Wer diesen Rigoletto versäumt, hat im heurigen Kultursommer das Highlight verpasst.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 29/2017, S. 38

Schloss-Spiele Kobersdorf: Theaterkunst im Kobersdorfer Schloss

In neu on 2017/07/23 at 09:30

Wen Kleists „Zerbrochner Krug“ in der Schule noch zum Seufzen brachte, der wird in der Inszenierung von Werner Prinz positiv überrascht sein. Bei Richter Adam, der es sich gut richten konnte, wird die Decke brüchig. Es könnte keinen Besseren für die Rolle des
Dorfrichters geben als Wolfgang Böck: Schleimig gegenüber Gerichtsrat Walter – kühl und präzise von Alexander Strömer gespielt – bösartig drohend auf Nachbarin Eve einredend, die von Saskia Klar in ihrem Zwiespalt nicht besser dargestellt werden könnte, versucht sich der kahlköpfige Adam heraus zu manövrieren. Es viele Verfehlungen Adams, die nun vor dem strengen Gerichtsratsauge zum Vorschein kommen So muss auch die unschuldige Eve über die Klinge springen, denn sie kriegt von ihrer Mutter Marthe Rull (Hannah Hohloch) und ihrem Verlobten Ruprecht, der von Béla Bufe in seiner gekränkten Männlichkeit panisch gut gespielt wird, gehörig eingeschenkt. Gestik und Mimik werden vom Ensemble präzise umgesetzt. Es ist ein wahres Kammerspiel, bei dem man immer wieder Neues entdecken kann. Wer Erich Schleyer als
Operndirektor in „Otello darf nicht platzen“ gesehen hat, wird ihn in der Rolle der Frau Brigitte mit Perücke am Schluss lieben: Er spielt reduziert, klar und umso unterhaltsamer. Kobersdorf bietet hier eine befreite Fassung des Lustspiels, das auch an Tiefe nichts missen lässt.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2017, S. 54

Theatersommer Parndorf: Nestroy leichtfüßig am Kirchenplatz

In neu on 2017/07/22 at 09:30

Der Theatersommer in Parndorf unter Intendant Christian Spatzek etabliert sich gut. Mit „Das Mädl aus der Vorstadt“ wird dieses Mal zwar ein „Nestroy von der Stange“ geboten, was aber den Erfolg nicht mindern wird: Traditionell im Biedermeier-Outfit ohne in Nestroys Tiefen zu schürfen, bietet das Ensemble unter der geradlinigen Inszenierung
Spatzeks ein sommerlich-spritziges Theatervergnügen am Parndorfer Kirchenplatz.
Serge Falk gibt als tollpatschiger, verliebter Gigl eine sehr gute Figur ab. Er ist in Thecla (Barbara Kaudelka) verliebt und schlägt die gute Partie mit Frau Erbsenstein aus,
was Freund Schnoferl, der quirlig ausgefuchst von Spatzek selbst dargestellt wird, nicht so hinnehmen möchte.

Hervorzuheben sind Susanna Hirschler als schlagfertige Frau Erbsenstein und Georg Kusztrich als Spekulant, der Theclas Unglück, als Mädl aus der Vorstadt, erst ausgelöst hat. Georg Kusztrich ist ein ausgezeichneter Nestroy-Spieler, das tritt bei den Couplets
deutlich zutage. Parndorf bringt dieses Mal eine wahrlich leichtfüßige Nestroy-Inszenierung auf die Bretter.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2017, S. 54

Seefestspiele Mörbisch: Perfekt mit Kitsch

In neu on 2017/07/21 at 12:53

Mörbisch ist in diesem Jahr groß und bunt mit hoher Qualität. Nimmt man das Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann her, das der – im positivsten Sinne – wahren Kitschparade den Rahmen gibt, spielt es für die Inszenierung des „Vogelhändlers“ alle Stücke: zahlreiche Überraschungen entstehen im Handumdrehen. Das alles wäre ohne die Leistung vieler nicht möglich. Statisten füllen nicht die Bühne, sondern agieren. Das Ballett wirkt sich unter der Choreographie Mirko Mahrs ins Geschehen ein und gibt in den kitschigen Kostüm-Einfällen von Armella Müller von Blon bezaubernde Einlagen. Es wird klar überkitscht und so kann diese Operette gespielt werden. Als Intendantin spielt Dagmar Schellenberger zum letzten Mal in Mörbisch. Sie verkörpert Adelaide, die endlich auch einen Mann abstauben möchte. Ihre Fürstin versucht zwischen der Post-Christel und dem Vogelhändler Adam alles wieder ins Lot zu bringen. Cornelia Zink ist als Fürstin gesanglich wie darstellerisch hervorragend. Ihr zur Seite das Pärchen Sieglinde Feldhofer als Christel und Paul Schweinester als tirolerischer Vogelhändler:
Sehr gute gesangliche wie auch darstellerische Leistung. Trotzdem haben es die komischen Rollen einfacher: Allen voran Philipp Kapeller als Neffe des Barons Weps (Horst Lamnek), die ein gut geschmiedetes Paar abgeben, wie auch Gerhard Ernst und Wolfgang Dosch mit Bezügen zur Gegenwart. Dirigent Gerrit Prießnitz trägt den „Vogelhändler“ mit Orchester und Chro durch diese Inszenierung von Axel Köhler, der bei den unzähligen Liebespirouetten gute Arbeit geleistet hat. Dafür gebührt beiden ein Feuerwerk.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2017, S. 54

Güssinger Kultursommer | Ein wahrer Theater-Spaß

In neu on 2017/07/14 at 11:00

So mag man es, wenn sich die Spielfreude von der Bühne auf das Publikum überträgt. So geschehen bei „Pension Schöller“ unter Frank Hoffmann in Güssing. Ein herausragender Manfred Semler (als Leo Schöller), der in seiner Rolle gerne Schauspieler werden möchte. Der Schönheitsfehler: Er kann kein „L“ sprechen. Ihm zur Seite ein von stoischer Ruhe beherrschter Otto Konrad (als Vladimir Sedlacek), der glaubt, in der Pension Schöller Gäste einer Nervenheilanstalt zu besuchen. Er ist der Konterpart zu den irrsinnigen Pensionsgästen, unter ihnen Anita Janitschek als Schriftstellerin. Wer den
Güssinger Kultursommer mit seiner Produktion „Pension Schöller“ heuer versäumt, ist selbst schuld, denn das Lachen und Schmunzeln nimmt in diesem traditionellen Bühnen- und Kostümreigen kein Ende.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 27/2017, S. 47

Kultursommer Kittsee | Eine traditionelle „Csárdásfürstin“

In neu on 2017/07/13 at 11:00

Emmerich Kálmáns „Die Csárdásfürstin“ kam im 1. Weltkrieg zur Uraufführung und hatte in der Vorwoche beim Sommerfestival Kittsee Premiere. Ein Festival, dem Christian Buchmann vorsteht und das im Team eine sehr gute Sängerbesetzung unter Dirigent Joji Hattori zusammenstellte. Allen voran braucht es aber auch gute Musiker, wie sie im Saal des Schlosses Kittsee spielten, einstweilen im Park vor dem Schloss auch in der Pause gesungen wurde, und in gemütlicher Atmosphäre getrunken und geschmaust werden konnte. Hervorzuheben in der Besetzung waren Simona Eisinger als die titelgebende Csárdásfürstin und Anete Liepina als Comtesse Stasi. In Kittsee sind Fans der traditionellen Operette ohne modernen Inszenierungswahn mit Varieté- Einlagen gut aufgehoben. Aber ganz ohne den modernen Schnickschnack kam auch Kittsee nicht aus: Auf akustische Verstärkung konnte nicht verzichtet werden und die machte sich leider bei der Premiere bemerkbar.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 27/2017, S. 47