Dietmar Baurecht

Archive for Juli 2018|Monthly archive page

Eine solide Gräfin auf der Seebühne

In neu on 2018/07/25 at 11:00

Bei den Seefestspielen Mörbisch liegt zwar die größte Geige der Welt auf der Bühne, aber spielen tun andere. Vor Manfred Wabas großartiger Silhouette, die sich aus dieser „unspielbaren“ Geige für Kálmáns „Gräfin Mariza“ entpuppt, tummeln sich Solisten, ein
diesmal ruhiger agierendes Ballett und Statisten. Sie beleben die imposante wandlungsfähige Bücherwand und die in ihr integrierten Bildschirme, die mal See, mal
Glashaus entfalten. Sie müssen es auch, denn der größte Statist, Wabas Bühne, bewegt vorne leider nichts.

Es ist in diesem Jahr eine solide Inszenierung, die Karl Absenger bietet: Die intimen Szenen mit den Solisten sind gut einstudiert und die Kostüme von Karin Fritz opulent,
farbenprächtig bis einfach. Eine starke Vida Mikneviciute gibt die Gräfin. Ihr zur Seite gestellt, ein stimmlich ausgezeichneter Roman Payer als Tassilo, der die Nöte
seiner Familie vor seiner Schwester Lisa (Rinnat Moriah) geheim hält. Er verdingt sich unter falschem Namen als gräflicher Gutsverwalter, bis Krach und Leidenschaft
Mariza und ihn zusammenbringen. Christoph Filler gibt Tassilos Rivalen Zsupan im schönsten Ungarisch, der schlussendlich Lisa bekommt – beide im Übrigen ein
großartiges Buffo-Paar. Lacher lösen Franz Suhrada und Melanie Holliday beim Publikum aus. Wäre dieser Komiker nicht, würde die Geige nur melancholische Weisen
spielen, wie sie der auftretende Ondrej Janoska anstimmt.

Es sind aber diese Ohrwürmer, die Dirigent Guido Mancusi gekonnt ans Publikumsohr bringt. Mörbisch versteht heuer eine gute Produktion abzuliefern, doch Freches und Gesellschaftskritisches werden wohl von der größten Geige der Welt übertrumpft.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 29/2018, S. 74

„Tulifant“ auf Schloss Esterházy

In neu on 2018/07/24 at 12:30

Die Geschichte des Märchenspiels „Tulifant“ von Gottfried von Einem ist kurz erzählt: Es geht um die Welt, die durch ein Kind gerettet wird. So einfach die Grundessenz, umso schwieriger der szenische Ablauf, der sich ein wenig für das jüngere Publikum in die Länge zieht. Trotzdem gab es auf Schloss Esterházy eine hervorragende Inszenierung durch Beverly und Rebecca Blankenship, die auf ein gutes Team aus hervorragenden Solisten und die Wiener Sängerknaben zurückgreifen konnten. Mutig, sich zum 100. Geburtstag von Einems an eine zeitgenössische Kinderoper zu wagen. Diesen Mut
für Modernes gibt es im Burgenland in diesem Bereich zu selten. Man bleibt immer gerne auf sicheren Pfaden, was manchmal verständlich scheint …

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 29/2018, S. 35

PannOpticums „Parade“

In neu on 2018/07/23 at 12:30

„Parade“ feierte beim Figurentheater-Festival in Neusiedl am See Premiere. Die Geschichte der Zusammenarbeit zwischen Pablo Picasso, Jean Cocteau und Eric Satie ist schnell erzählt: Eine Schaustellertruppe versucht Menschen in ihr Lokal zu locken. Es gelingt nicht. Karin Schäfer gestaltet mit Choreograph Valentin Alfery geschickt eine Mischung aus Urban-Dance und Figurentheater und bedient sich der Elemente der
Urfassung von 1917: Unterhaltsame Szenerien entstehen im Wandel von alltäglichen Gegenständen zu Figuren. Ein Schattenspiel mit tanzenden Scherenschnitten gewinnt
dreidimensionale Züge. Rhythmisch gekonnt weben die Tänzer Bühnenbild- und Kostüm-Elemente von Picasso in das Stück ein. Die Bearbeitung von Karin Schäfer sprudelt von Fantasie und lässt gut eine Stunde Performance mit Live-Klaviermusik rasch vergehen. Großartig!

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 29/2018, S. 35

Trotz des Alters frisch

In neu on 2018/07/22 at 11:30

Neben den internationalen Haydntagen stellen das KammermusikfestLockenhaus den hohen Rang an lang eingesessenen Klassik-Festivals im Burgenland dar. Der einzige Unterschied ist die Regelmäßigkeit, der man sich neben dem Klangfrühling in Schlaining
auch der Moderne widmet. Es ist aber auch der unkomplizierte und lockere Zugang – die Nähe zu den Künstlern, die dieses Festival auch unter dem neuen künstlerischen Leiter Nicolas Altstaedt auszeichnet.

Man nimmt sich hier als Teil des Geschehens an, das einem experimentellen Werkstattcharakter gleicht. Bei der Eröffnung am vergangenen Donnerstag stand das Werk „Aspects of Return“ des jungen australischen Komponisten Jakub Jankowski am
Programm, das Nicolas Altstaedt und Alexander Lonquich am Klavier als Europapremiere spielten – ein zugängliches aber auch einprägendes Werk, das die positiven Reminiszenzen an Vergangenes in drei musikalischen Läufen hinterfragt.
Hervorzuheben sind an diesem Abend vor allem die Werke von Kodály und Bartók, die impulsiv und expressiv für den Besucher gefühlsmäßig beinah in dessen Ohren in der Lockenhauser Pfarrkirche entstehen. Ein Festival, das es immer wieder schafft, in seiner Kreativität impulsiv und frisch zu bleiben.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2018, S. 51

Nehmen’s a bisserl Gift?

In neu on 2018/07/21 at 11:30

Nach der ausgezeichneten Inszenierung von Kleists „Der zerbrochenen Krug“ geht es Regisseur Werner Prinz lockerer an. „Arsen und Spitzenhäubchen“ ist ein Klassiker morbiden Humors und ist wohl durch den Film mit Cary Grant aus den 40ern kein Unbekannter beim Publikum. Diese Reminiszenz lässt sich in den in Grautönen gehaltenem Bühnenbild von Erich Uiberlacker festmachen. Die Kostüme von Alexandra
Burgstaller sind zeitlos gehalten, was aber auf die Charaktere nicht zutrifft.

Erika Mottl und Gertrud Roll müssen flott sein, denn die Kobersdorfer Bühne ist für dieses Kammerstück ein paar Meter zu groß. Diese „Arsenic-Aunts“ sind im 21. Jahrhundert angekommen und vergiften aus Mitleid einige ältere Herren, die im Keller durch Teddy, ihren verrückten Neffen, der sich für Präsident Roosevelt hält, verbuddeln lassen. Wolfgang Block ist in dieser Rolle großartig: Große Augen, beinah kindlich im
Ausdruck – ein harmlos Attacke plärrender Verrückter. Zu allem Unglück kommt noch das glatte Gegenteil, Neffe Jonathan (Clemens Aap Lindenberg), ein mehrfacher brutaler Mörder, zurück. Da ist es verständlich, dass der dritte Neffe Mortimer glaubt, er sei
nicht normal: Alexander Jagsch spielt ihn locker aber dann auch abwesend neben sich stehend, als er erfährt, dass seine harmlos empfundenen Tanten ältere Herren mit vergifteten Holunderwein um die Ecke bringen. Ach ja, und da wäre noch seine zukünftige Braut, Elaine (Dagmar Bernhard), die er nun nicht mehr heiraten könne,
denn diese Familie ist eindeutig zu verrückt! Viel Modernität gibt es in Kobersdorf in diesem Jahr nicht: Es modert in den alten Gemäuern, wo sich die Mörder die Klinke in die Hand geben – aber auf jeden Fall ein vergnüglich, morbider empfehlenswerter Theaterspaß unter einem herausragend spielenden Wolfgang Böck.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2018, S. 48

Die Parndorfer „Typenschlacht“

In neu on 2018/07/20 at 12:00

Die Premiere beim Theatersommer Parndorf hatte am Donnerstag der Vorwoche mit dem schlechten Wetter zu kämpfen. Umso wasserfreier war es am Sonntag, wo „Der
Diener zweier Herren“ unbeschwert über die Bühne gehen konnte: Die Spielfreude kann man am Kirchenplatz in jeder Ritze der Bretter, die die Welt bedeuten, finden.

Es wird im besten Sinne des Wortes, eine Klamotte geboten: In Kostümen und Bühnenbild fühlt man sich in die Zeit Goldonis versetzt – einem Wanderensemble durchaus ähnlich, das gerade jetzt seine Zelte in Parndorf aufgeschlagen hat. Die
Stereotypen werden in unbändiger Übertreibung über die Rampe gebracht.

Da lässt keiner im Ensemble etwas aus. Hervorzuheben sind Georg Kusztrich als sich durch sämtliche Untiefen windender Kaufmann Pantalone und seine Tochter, dargestellt von Barbara Kaudelka, die diese Rolle des trotzigen und manchmal naiven Mädels
gut ausstaffiert. Neben der Regie nimmt Christian Spatzek auch die Rolle des Dieners
Truffaldino wahr, der mit dem Dienen zweier Herren eindeutig überfordert scheint. Auch in diesem Jahr wird in Parndorf ein leichtes und kurzweiliges Sommervergnügen
geboten.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2018, S. 47

Jubiläum: Halbturner Schlosskonzerte

In neu on 2018/07/19 at 12:30

Die Halbturner Schlosskonzerte begehen heuer 45 Jahre und 30 Jahre mit Robert Lehrbaumer, der für das Programm verantwortlich ist. Das muss gefeiert werden, und
mit den Wiener Comedian Harmonists gab es im Gemeindezentrum Halbturn einen großartigen Auftakt: „Originalgetreu“ ist das Motto für die Erben des Berliner
Originalensembles der 1920-er und 30er-Jahre. Wenn Sie dies mit unterschiedlichen Utensilien swingend-lässig über die Rampe bringen, ist der Abend gerettet. Nicht
fehlen durften vor tosendem Haus als Zugabe: „Ein Freund, ein guter Freund“ oder „Mein kleiner grüner Kaktus“. Mit „O sole mio“ brach zum Schluss die Konkurrenz zwischen den fünf Sängern des Staatsopernchors aus, die sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchten. Großartig klassisch geht es im Schloss Halbturn an den kommenden Wochenenden weiter.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2018, S. 46