Dietmar Baurecht

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„Rigoletto“: Brutal packend

In neu on 2017/07/26 at 11:30

Eine gute, kräftige Gesamtregie macht sich bei Rigoletto im Steinbruch
bezahlt. Philippe Arlaud arbeitete konsequent daran: Ein Herzog, dem Frauen zugeführt werden, die dieser vergewaltigt. Seine eigene Frau, die tatenlos zusieht. Der Narr Rigoletto, der seine Tochter Gilda vor dem Herzog wegschließt. Eine naiv unschuldige Tochter, die trotz Vergewaltigung den Herzog aus Liebe schützen
will und vom gedungenen Mörder ihres Vaters ermordet wird.

Es ist eine schlüssige Interpretation „Rigoletto“: Brutal packend von Verdis Oper, die im Steinbruch präsentiert wird. Dem Gesamtkonzept der Darstellung einer brutalen Gesellschaft unterwerfen sich geniale Projektionen, ein klares – von allem unnötigem
Glitter befreites Bühnenbild – und eine wohl überlegte, farbliche Kostümauswahl für die handelnden Personen. Großartig bei der Premiere, Elena Sancho Pereg die als Gilda alle stimmlichen Nuancen mit Bravour bewältigt. Vladislav Sulimsky setzt auf sein tiefes
Timbre und gibt einen manchmal phlegmatischen, aber trotzdem ausdrucksstarken Rigoletto. Stimmlich hervorragend Yosep Kang, der hier den skrupellosen Herzog mimt, der auf viele rotgekleidete Trophäen zurückblicken kann. Wer diesen Rigoletto versäumt, hat im heurigen Kultursommer das Highlight verpasst.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 29/2017, S. 38

Schloss-Spiele Kobersdorf: Theaterkunst im Kobersdorfer Schloss

In neu on 2017/07/23 at 09:30

Wen Kleists „Zerbrochner Krug“ in der Schule noch zum Seufzen brachte, der wird in der Inszenierung von Werner Prinz positiv überrascht sein. Bei Richter Adam, der es sich gut richten konnte, wird die Decke brüchig. Es könnte keinen Besseren für die Rolle des
Dorfrichters geben als Wolfgang Böck: Schleimig gegenüber Gerichtsrat Walter – kühl und präzise von Alexander Strömer gespielt – bösartig drohend auf Nachbarin Eve einredend, die von Saskia Klar in ihrem Zwiespalt nicht besser dargestellt werden könnte, versucht sich der kahlköpfige Adam heraus zu manövrieren. Es viele Verfehlungen Adams, die nun vor dem strengen Gerichtsratsauge zum Vorschein kommen So muss auch die unschuldige Eve über die Klinge springen, denn sie kriegt von ihrer Mutter Marthe Rull (Hannah Hohloch) und ihrem Verlobten Ruprecht, der von Béla Bufe in seiner gekränkten Männlichkeit panisch gut gespielt wird, gehörig eingeschenkt. Gestik und Mimik werden vom Ensemble präzise umgesetzt. Es ist ein wahres Kammerspiel, bei dem man immer wieder Neues entdecken kann. Wer Erich Schleyer als
Operndirektor in „Otello darf nicht platzen“ gesehen hat, wird ihn in der Rolle der Frau Brigitte mit Perücke am Schluss lieben: Er spielt reduziert, klar und umso unterhaltsamer. Kobersdorf bietet hier eine befreite Fassung des Lustspiels, das auch an Tiefe nichts missen lässt.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2017, S. 54

Theatersommer Parndorf: Nestroy leichtfüßig am Kirchenplatz

In neu on 2017/07/22 at 09:30

Der Theatersommer in Parndorf unter Intendant Christian Spatzek etabliert sich gut. Mit „Das Mädl aus der Vorstadt“ wird dieses Mal zwar ein „Nestroy von der Stange“ geboten, was aber den Erfolg nicht mindern wird: Traditionell im Biedermeier-Outfit ohne in Nestroys Tiefen zu schürfen, bietet das Ensemble unter der geradlinigen Inszenierung
Spatzeks ein sommerlich-spritziges Theatervergnügen am Parndorfer Kirchenplatz.
Serge Falk gibt als tollpatschiger, verliebter Gigl eine sehr gute Figur ab. Er ist in Thecla (Barbara Kaudelka) verliebt und schlägt die gute Partie mit Frau Erbsenstein aus,
was Freund Schnoferl, der quirlig ausgefuchst von Spatzek selbst dargestellt wird, nicht so hinnehmen möchte.

Hervorzuheben sind Susanna Hirschler als schlagfertige Frau Erbsenstein und Georg Kusztrich als Spekulant, der Theclas Unglück, als Mädl aus der Vorstadt, erst ausgelöst hat. Georg Kusztrich ist ein ausgezeichneter Nestroy-Spieler, das tritt bei den Couplets
deutlich zutage. Parndorf bringt dieses Mal eine wahrlich leichtfüßige Nestroy-Inszenierung auf die Bretter.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2017, S. 54

Seefestspiele Mörbisch: Perfekt mit Kitsch

In neu on 2017/07/21 at 12:53

Mörbisch ist in diesem Jahr groß und bunt mit hoher Qualität. Nimmt man das Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann her, das der – im positivsten Sinne – wahren Kitschparade den Rahmen gibt, spielt es für die Inszenierung des „Vogelhändlers“ alle Stücke: zahlreiche Überraschungen entstehen im Handumdrehen. Das alles wäre ohne die Leistung vieler nicht möglich. Statisten füllen nicht die Bühne, sondern agieren. Das Ballett wirkt sich unter der Choreographie Mirko Mahrs ins Geschehen ein und gibt in den kitschigen Kostüm-Einfällen von Armella Müller von Blon bezaubernde Einlagen. Es wird klar überkitscht und so kann diese Operette gespielt werden. Als Intendantin spielt Dagmar Schellenberger zum letzten Mal in Mörbisch. Sie verkörpert Adelaide, die endlich auch einen Mann abstauben möchte. Ihre Fürstin versucht zwischen der Post-Christel und dem Vogelhändler Adam alles wieder ins Lot zu bringen. Cornelia Zink ist als Fürstin gesanglich wie darstellerisch hervorragend. Ihr zur Seite das Pärchen Sieglinde Feldhofer als Christel und Paul Schweinester als tirolerischer Vogelhändler:
Sehr gute gesangliche wie auch darstellerische Leistung. Trotzdem haben es die komischen Rollen einfacher: Allen voran Philipp Kapeller als Neffe des Barons Weps (Horst Lamnek), die ein gut geschmiedetes Paar abgeben, wie auch Gerhard Ernst und Wolfgang Dosch mit Bezügen zur Gegenwart. Dirigent Gerrit Prießnitz trägt den „Vogelhändler“ mit Orchester und Chro durch diese Inszenierung von Axel Köhler, der bei den unzähligen Liebespirouetten gute Arbeit geleistet hat. Dafür gebührt beiden ein Feuerwerk.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 28/2017, S. 54

Güssinger Kultursommer | Ein wahrer Theater-Spaß

In neu on 2017/07/14 at 11:00

So mag man es, wenn sich die Spielfreude von der Bühne auf das Publikum überträgt. So geschehen bei „Pension Schöller“ unter Frank Hoffmann in Güssing. Ein herausragender Manfred Semler (als Leo Schöller), der in seiner Rolle gerne Schauspieler werden möchte. Der Schönheitsfehler: Er kann kein „L“ sprechen. Ihm zur Seite ein von stoischer Ruhe beherrschter Otto Konrad (als Vladimir Sedlacek), der glaubt, in der Pension Schöller Gäste einer Nervenheilanstalt zu besuchen. Er ist der Konterpart zu den irrsinnigen Pensionsgästen, unter ihnen Anita Janitschek als Schriftstellerin. Wer den
Güssinger Kultursommer mit seiner Produktion „Pension Schöller“ heuer versäumt, ist selbst schuld, denn das Lachen und Schmunzeln nimmt in diesem traditionellen Bühnen- und Kostümreigen kein Ende.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 27/2017, S. 47

Kultursommer Kittsee | Eine traditionelle „Csárdásfürstin“

In neu on 2017/07/13 at 11:00

Emmerich Kálmáns „Die Csárdásfürstin“ kam im 1. Weltkrieg zur Uraufführung und hatte in der Vorwoche beim Sommerfestival Kittsee Premiere. Ein Festival, dem Christian Buchmann vorsteht und das im Team eine sehr gute Sängerbesetzung unter Dirigent Joji Hattori zusammenstellte. Allen voran braucht es aber auch gute Musiker, wie sie im Saal des Schlosses Kittsee spielten, einstweilen im Park vor dem Schloss auch in der Pause gesungen wurde, und in gemütlicher Atmosphäre getrunken und geschmaust werden konnte. Hervorzuheben in der Besetzung waren Simona Eisinger als die titelgebende Csárdásfürstin und Anete Liepina als Comtesse Stasi. In Kittsee sind Fans der traditionellen Operette ohne modernen Inszenierungswahn mit Varieté- Einlagen gut aufgehoben. Aber ganz ohne den modernen Schnickschnack kam auch Kittsee nicht aus: Auf akustische Verstärkung konnte nicht verzichtet werden und die machte sich leider bei der Premiere bemerkbar.

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 27/2017, S. 47

 

Von Walzer zu Liszt

In neu on 2017/07/12 at 11:00

Der erste Teil von Liszts Ungarischer Rhapsodie Nr. 1 für Orchester in der Interpretation der Wiener Akademie könnte beinah die geheime „Fanfare“ des anstehenden burgenländischen Festivalsommers sein. Beim Liszt-Festival in Raiding gab Martin Haselböck mit seinem Klangkörper ein herausragendes Konzert auf Original-instrumenten. So spielt Haselböck in Raiding seit vielen Jahren unter dem Titel „Sound of Weimar“ die Orchesterwerke Liszts ein, sodass er am vergangenen Sonntag unter Klatschen des Publikums berechtigt sagen konnte: „Sound of Raiding!“ Ganze zwei Mal musste das Konzert gegeben werden, das Werke der Familie Strauss mit Liszt-Bezug, vor allem aber Werke des Raidinger Sohnes beinhaltete. Faszinierend dem Ohrwürmer-Programm entgegen stand Liszts orchestrale Version des Mephisto- Walzers Nr. 2:
Einfach diabolisch gut!

Erschienen in der Burgenländischen Volkszeitung (BVZ), Woche 27/2017, S. 46