Dietmar Baurecht

Buchbesprechung: Eine Reise nach Bulgarien mit Orpheus im Gepäck

In neu on 2016/11/21 at 13:28

Nadežda, eine Frau sucht nach sich in anderen …

Es ist ein sinnlicher und durchaus spiritueller Roman, den Ilija Dürhammer mit „Und Orpheus schweigt“ vorgelegt hat. Es wäre zu kurz gegriffen, wenn man meint, dieser in 27 Kurznovellen geschriebene Roman drehe sich um den mythischen Dichter und Sänger Orpheus alleine. Dieser Mythos ist jedoch der Anker für eine Frau, die ihre Wurzeln und sich selbst in anderen sucht.

Die Hauptfigur, um die sich alles und die manchmal alles mit sich dreht, ist Nadežda Bauer. Sie ist seit ihrer Kindheit dem OrpheusKult auf der Spur. Ein Kult, der sie schlussendlich nach Thrakien führt, in die Heimat des Orpheus, in ein Land, das die Griechen barbarisch genannt haben und das von manchen noch immer als rückständig, von freundlicheren Menschen als bodenständig bezeichnet wird: Bulgarien. Dort hat Nadežda, die ihren Vater nicht kennt und zur Mutter keine tiefe Beziehung hat, familiäre Wurzeln. Mit Rilkes „Sonetten an Orpheus“, die eine starke Klammer in diesem Roman darstellen, geht sie auf Reisen und begegnet Menschen, die aus ihrer Perspektive die Begegnungen mit Nadežda nachzeichnen. Der Wahl-Südburgenländer, der in einem Kellerstöckl lebt, das im Roman auch ein Erlebnisort ist, war selbst zwei Jahre an der Universität in Sofia. Dürhammer, der über seine Mutter ebenfalls bulgarische Wurzeln hat, liebt Bulgarien und beschäftigt sich schon seit der Kindheit „wie wahrscheinlich viele, die sich für Musik und Literatur interessieren“, mit dem OrpheusThema, das „die Verbindung von Leben, Kunst, Tod und Wiedergeburt“ in sich vereint.

Durch die „Sonette an Orpheus“, die Nadežda bei ihren Begegnungen mit unterschiedlichen Männern wie Rosenblätter verstreut und ihnen damit eine Tür aufschlägt, er- öffnet sich auch für sie immer etwas Neues. In „Und Orpheus schweigt“ finden Rilkes Sonette nicht nur ihren Besitzer, sondern auch ihre Geschichte – zumindest eine mögliche Geschichte. „Ich möchte nicht sagen“, wie Dürhammer im Interview meint, dass „ich die Sonette dadurch erschöpfend erschlossen habe“, aber sie seien ihm heute viel näher: „Ich kann es Nadežda nachfühlen, wie sie ihre Welt anhand dieser sucht und dem OrpheusMythos, der in Südbulgarien seine Geburtsstätte hat, nachspürt.“

Wenn man Nadeždas Begegnungen mit Männern auf den Eros reduzieren würde, greife man, wie der Autor sagt, zu kurz: „Sie macht Angebote an die, denen sie begegnet und von denen sie auch selbst immer wieder das Gefühl hat, ein bisschen verwandelt zu werden. Aus ihrer Perspektive erzählen Männer wie Frauen, die ihr begegnen, ihre Verwandlungen. Natürlich ist Sexualität im Spiel, aber es ist nicht das wesentlichste und ausschließliche Moment. Es ist kein pornografischer Roman, sondern es geht um einen Erkenntnisakt. Erkenntnis meint zweierlei: nicht nur, dass sie miteinander schlafen, sondern dass sie sich auch im Wesen erkennen. Ich finde das einfach schön, dieses altmodische ‚Sich/einanderErkennen‘, was aus der Bibelübersetzung geläufig ist. Es geht nicht um das pure Physische, das wäre für Nadežda zu wenig. Es ist auch und nicht zuletzt so etwas wie Kultureinverleibung.“

Nadežda ist keine Anhängerin des Monogam-Glaubens, wie Dürhammer weiter meint: „Weder Monogamie noch Monotheismus. Alles was ‚Mono‘ ist, ist ihr zu wenig. Oder umgekehrt, dass sie in der Vielheit das Eine wieder sucht. Es ist das griechische HEN KAI PAN – das Eine und das All, die sich ineinander aufheben oder wechselweise ineinander aufgehen. Das findet sich bei ihr im Sexuellen ebenso wie in geistigen Belangen. Sie trennt diese Dinge nicht so streng. Nicht das Deutschsprachige, nicht das Slawische oder Japanische für sich, das in einem längeren Brief die Brücke zum Orpheus-Mythos schlägt – sie sucht in der Verschiedenheit das allgemein Menschliche. Darum geht es Nadežda. Dass sie zufälligerweise das Bulgarische sucht, hat mit ihrer Familienzugehörigkeit einerseits, aber auch mit ihrer Familienlosigkeit anderseits zu tun, mit dem Zufall des Dahin-GekommenSeins und der Verbindung mit dem, was sie schon immer gesucht hat – nämlich Orpheus selbst.“

Neben der Beschäftigung mit dem Orpheus-Mythos hat Ilija Dürhammer im Roman selbst viele Fundstücke, wie Rosenblätter für Bulgarien, das er selbst gut kennen gelernt hat, verstreut. Dass es auch ein Reiseroman für Bulgarien sein kann, hat der Autor schon öfters gehört. Es ist aber vor allem ein Roman, der eine Reise in die Tiefe – wie bei Orpheus und Eurydike – ermöglicht, ein Roman des Sinnlichen, des Sich-auf-sich-Besinnens.

ZUM AUTOR: Ilija Dürhammer geb. 1969 in Wien, studierte Germanistik und eine Fächerkombination aus Musik- und Theaterwissenschaft, Geschichte und Klassische Philologie; lebt in Rechnitz, Burgenland. Buchpublikationen (Auswahl): Thomas Bernhard. Holz.Ein.Fall. Eine reale Fiktion (Kremayr & Scheriau, 2004) und Mystik, Mythen und Moderne. Trakl. Rilke. Hofmannsthal. 16 Gedichtinterpretationen (Praesens Verlag, 2010). Auszeichnungen (u. a.): Preis des TheodorKörner-Fonds, 1999; Preis der Burgenlandstiftung – Theodor Kery für „Und Orpheus schweigt“, 2016. Buchtitel: Und Orpheus schweigt Verlag: Edition Lex Liszt 12 Seiten: 404 VP: € 25,00 ISBN: 978-3-99016-103-6

Termine: 11.11.2016, 19:00 Uhr Bulgarisches Kulturinstitut – Haus Wittgenstein 13.11.2016, 12:00 Uhr Messe Wien, Literaturcafé (Messeeintritt)

Erschienen in Beste Seiten 2016 im Rahmen der Buchwoche Wien, S. 12

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